Ein christliches und berufliches Netzwerk bilden
Profis in der Pflege – oder in anderen Berufen – mit einem christlichen Fundament. Frauen und Männer, die sich für diakonisches Handeln engagieren und mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Menschen, die ihren Glauben leben möchten und ein gemeinsames Werteverständnis haben.
Berufung: Nicht nur ein Wort
Was verbinden Diakonieschwestern bzw. Diakoniebrüder mit dem Wort “Berufung”? Sehr viel: Es geht um Glauben, es geht um suchen und finden, es hat mit Profession, mit dem Beruf zu tun.
Wo kommen wir her? Wo stehen wir? Wo gehen wir hin?
Positionspapier von Oberin i.R. Ellen Muxfeldt zur Oberinnenwahl der Diakonieschwesternschaft Herrenberg-Korntal
Historische Wurzeln
Die Gründung unserer Gemeinschaften entstand aus den sozialen Nöten um 1900. Theologieprofessor Friedrich Zimmer entwickelte eine neue Vision: Eine selbstgeführte Genossenschaft von Frauen, die sich vom abhängigen Diakonissensystem unterschied.
Seine revolutionäre Idee war ein doppelter Auftrag: Diakonie an Frauen und durch Frauen. Frauen sollten eine gründliche Ausbildung erhalten, die sie wirtschaftlich selbständig machte und ihnen Ehe und Familie offen hielt. Zimmer wandte sich bewusst an gebildete Mittelstandsfrauen mit dem Grundsatz: "Nicht dienen, um zu verdienen, aber verdienen, um dienen zu können."
Das neue Modell
Die Genossenschaft bot Frauen:
- Selbstbestimmung des Arbeitsplatzes
- Demokratische Strukturen
- Bargeld und Altersversorgung
- Eigenverantwortung statt Abhängigkeit
Diese Idee war den Mutterhäusern zu weltlich, den Frauenrechtlerinnen zu fromm. Dennoch wurde sie ein großer Erfolg mit über 4.000 Schwestern in der Hochzeit.
Gesellschaftlicher Wandel
Die rechtliche Situation von Frauen war bis in die 1970er Jahre dramatisch eingeschränkt: Ehemänner bestimmten über Frauen und Kinder, verwalteten deren Lohn und konnten Arbeitsstellen kündigen. Erst 1977 durften Frauen ohne Erlaubnis des Mannes berufstätig sein.
Heute verdienen Frauen noch 22% weniger als Männer. Diakonie an der Basis hat ein weibliches Gesicht, in der Leitung ist sie mehrheitlich männlich. Strukturelle Verbesserungen und gezielte Ermutigung von Frauen für Führungspositionen sind weiterhin nötig.
Heutige Herausforderungen
Die Schwesternschaft hat heute knapp 2000 Mitglieder, zwei Drittel im aktiven Dienst. Schwesternhäuser gibt es kaum noch, vieles hat sich in individuelle Verantwortung verlagert. Die mittlere Generation ist meist verheiratet mit Lebensmittelpunkt in der Familie.
Was heute verbindet: Junge Menschen suchen gute Ausbildung und erwarten, dass christliches Menschenbild den Umgang prägt. Die gemeinsame diakonische Bildung ist nachhaltig prägend. Das Heimathaus bietet Raum für Glaubens- und Lebensfragen abseits von Arbeitsplatz und Familie.
Zukunftsperspektive
In einer säkularen Gesellschaft werden wir keine Massenbewegung. Aber solange die Gemeinschaften geistlichen und mitmenschlichen Rückhalt bieten und den diakonischen Auftrag nicht aus den Augen verlieren, werden wir lebendig sein.
Der Auftrag als Christen, Menschen in Not beizustehen, bleibt bestehen. Es wird immer Menschen geben, denen es mit dem Rückhalt einer Gemeinschaft leichter fällt, diesem nachzukommen. Eine Gemeinschaft kann oft mehr bewirken als eine einzelne Person.
Die über 100-jährige Geschichte zeigt: Die Gemeinschaften haben Anfechtungen, Kriege, Diktatur und Unwegsamkeiten überstanden. In einer Zeit mit Druck am Arbeitsplatz und sozialer Kälte haben Menschen große Sehnsucht nach Orten des Vertrauens und der Geborgenheit.